Middleofnowhere – Hippie Kommune 28.02.07

Der Grund dafür, dass wir Coffs Harbour als Auftrittsort angegeben haben, ist der, dass es der nächste bewohnte Ort von der Kommune ist. Die Wegbeschreibung zur Kommune selbst, ist folgende: Ihr fahrt einfach 100 km auf dieser Schotterstrasse in Richtung Westen, dann links, und wenn ihr an einem Gefängnis vorbeikommt, bleibt auf keinen Fall stehen und filmt auch nicht. OK!? (Die Frage, warum hier ein Gefängnis steht, wird wahrscheinlich niemand beantworten können oder wollen). Das Navigationssystem ist nutzlos, da es weit und breit keine registrierten Strassen gibt. Ich weiss nicht mehr genau warum, aber aus irgendeinem Grund kursierte im Bus das Gerücht, dass unser Ziel eine schwule Hippie Kommune sei. Unser Kontaktmann Bruce fragte nämlich unter anderem, ob wir Pärchen in der Band hätten. Unsere Annahme wird durch unzählige, liebevoll verknotete, rosa Bändchen, die als Wegmarkierung an Ästen und Bäumen befestigt sind, untermauert.

Wir befinden uns nun also wieder mitten in den Bergen, auf kaum befahrbarem Untergrund, spielen Achterbahn und suchen ein Tal, das nirgends verzeichnet ist, um eine Horde schwuler Hippies zu treffen. Wir entdecken mitten im Nichts eine an einem Baum befestigte Tafel, auf der geschrieben steht: Come all tonight Des For Bose, 12-piece reggae band from Hamburg, womit wahrscheinlich wir gemeint sind. Also nehmen wir den Weg und landen in dem besagten Tal. Dort befinden sich einige kleine, bunt bemalte Hütten, ein Freiluftklo, eine ziemlich grosse Half-Pipe (für die Skater unter uns) und etwas, das irgendwie aussieht wie ein Clubhaus. Eine üppige Sonnenterasse ist in drei Meter Höhe komplett um das Gebäude gezimmert. An der provisorischen Bar räumt gerade jemand Bier in eine Art Holz-Kühlschrank. Meine erste Bekanntschaft mit einem echten Hippie, und das muss ja wohl einer sein. Er ist ca 2 Meter gross, heisst Tyrone, und besteht im Grunde nur aus Bart und Bauch. Von seinem roten, viel zu engem T-Shirt, lacht mir Mr T. vom „A-Team“ entgegen. Sieht lustig aus. Wir unterhalten uns kurz über Diesel-Generatoren und Hitler während sich die Terrasse langsam füllt. Wir werden von jedem, der neu hinzukommt, sehr herzlich empfangen. Alles sehr robuste Kerle. Man sagt uns, dass sich hierher nicht viele Menschen verirren und auch nicht gerne gesehen sind, es sein denn, sie werden persönlich eingeladen. Und ja, es gibt auch Frauen, was den einen oder anderen von uns sichtlich erleichtert. Bruce, ich nenne ihn mal Stammeshäuptling, lädt mich und die Film-Crew zu einer Rundfahrt durch die „Stadt“ ein. Während der Fahrt (man versteht kaum sein eigenes Wort) mit seinem Pick-up über brutal holpriges Gelände, welches den zwangsläufigen Tod jedes normalen Stadtautos zur Folge hätte, benutzt er Ausdrücke wie Innenstadt, Vororte, Reichenviertel, west- und eastend; man bemerke, dass wir gerade durch ein strassenloses, dicht mit Wald bewuchertes Gebirge fahren, in dem ca 80 Aussteiger in verstreuten, selbstgebauten Holzhütten und ausrangierten Wohnwagen leben. Er erzählt sehr skurrile Geschichten von Dieben, explodierenden Autos, Hubschraubern und halbnackten Typen im Schnee bewaffnet mit Schrotflinten. Die Leute hier haben ihre eigene Infrastruktur und sind allesamt Selbstversorger. Das benötigte Geld wird durch den Verkauf der angebauten Naturalien verdient. Ab und an fährt mal jemand in die nächste Stadt und besorgt das nötigste. Strom wird aus Solarenergie bezogen oder mit Generatoren erzeugt. Wasser gibt’s aus dem Fluss.

Im Clubhaus steht eine kleine Anlage für uns bereit. Wir fangen irgendwann nachts an zu spielen. Man merkt, dass die Leute sehr dankbar sind, mal wieder Live-Musik zu hören, offensichtlich eine sehr willkommene Abwechslung. Während des zweiten Songs erhalten wir bereits die Gage; in Form einer grossen Woolworth- Einkaufstüte voll mit Gras, die einer der Hippies in Joe´s Saxophon stopft. 50 Dauerkiffer wären schätzungsweise ein Jahr lang damit beschäftigt. Wie wir feststellen, sind hier Drogen aller Art, in jeglicher nur erdenklichen Form und Konsistenz, ein sehr gängiges Gebrauchs- und Grundnahrungsmittel, was auf der anschliessenden, ich nenne es mal leicht ausufernden aber sehr friedlichen Aftershowparty deutlich wird. Die Nacht wird lang, aber die Grenzen von Tag und Nacht haben sich für uns in den letzten drei Wochen aus bekannten Gründen ohnehin komplett verschoben. Wir sind von normalen Tagesabläufen und regelmässigen Schlafenszeiten soweit entfernt wie George W. Bush von einem zusammenhängenden Satz. An den nächsten Morgen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich wache gegen späten Nachmittag in dem Auto unseres Technikers Jan auf, der Bandbus direkt hinter uns. Ich denke an das Geschehene zurück und habe das Gefühl, eine unglaubliche Erfahrung gemacht zu haben. Den anderen geht es sicher ebenso. Gäbe es so etwas wie einen Nullpunkt der körperlichen Belastbarkeit, dann hätten wir ihn jetzt erreicht. Wir sind auf unserer letzten Etappe; 700 km in Richtung Katoomba.

Zu den Hippies 26.02.07

Wir brechen mittags auf weiter gen Süden. Wir haben eine ganz besondere Mission vor uns. Das vorletzte Konzert soll in der Nähe von Coffs Harbour stattfinden, in einer autonomen Hippie Kommune.
Ich habe bis eben tatsächlich noch geglaubt, die Bar heisst so. Die Ansage ist allen ernstes, dass die Gage in Naturalien ausgezahlt werden würde. Wir sind also recht gespannt, was uns dort erwartet.

Brisbane – Columbian Bar 25.02.07

Wieder mal eine ziemlich grosse Bar mit Hotel darüber. 10-Bett Zimmer; hat ein bisschen was von Kinderheim. Wir befinden uns in einer Art Industrieviertel; die BMW-Filiale direkt gegenüber, Drive-in Bottleshops und kaum Parkmöglichkeiten. Die Leute, die dort so in dem Hotel abhängen machen auf mich den Eindruck, irgendwie gestrandet zu sein. Draussen brennt die Sonne und trotzdem sitzen ein paar verstrahlte in der ersten Etage in einem stockfinsteren Raum und daddeln stundenlang Egoshooter, einen Meter vor einer überdimensionalen Leinwand. Ein Ort, an dem man als Band keine besonderen Privilegien geniesst. Bevor man die alte, dicke Besitzerin mit asiatischem Einschlag nicht von seinen Qualitäten als Live-Band überzeugt hat, braucht man Diskussionen über Freigetränke und Gagen gar nicht erst beginnen. Der Auftritt läuft aber ziemlich gut und wird wieder mit einer sehr umtanzten Jamsession mit Culture Connect beendet, was die Hotel-Mama sichtlich freut. Die Folge ist, dass alle Getränke ab diesem Moment Frei sind, wir ein paar grosse Scheine in die Hand gedrückt bekommen und nicht wie die anderen Gäste schon morgens um 10 auschecken müssen sondern in Ruhe ausschlafen können. Keine besonderen Vorkommnisse bis auf ein paar Drinks auf den Sofas vor der Bar.

Coolum – Sol Bar 24.02.07

Vier Stunden Autofahrt von Byron. Der nördlichste Fleck unserer Tour. Etwas verschlafen. Ein schier endloser Strand mit einem winzigen Badeabschnitt. Irgendwie hat mich Baywatch damals den Bezug zur Realität verlieren lassen. Rund 20 Lifeguards – alles Männer – aber das nur am Rande. Wir treffen auf die Jungs von Culture Connect, unsere Tourbegleitung für die beiden folgenden Shows.

Eine bunte und verdammt lustige Multi-Kulti Truppe aus Brisbane, die einen Mix aus Reggae und HipHop machen (5 Musiker und 3 MC´s). Der Laden ist eine klassische Strandbar; die Bühne und der Saal darüber. Die rund 100 Leute haben sichtlich Spass an dem Konzert. Wir spielen ein paar neue Sachen und drehen während des Auftritts ein paar Szenen für unseren Film, was die Leute wohl etwas eigenartig fanden, was aber verständlich ist. Wir haben es ihnen vorher schlicht und einfach nicht mitgeteilt, da wir authentische Reaktionen des Publikums einfangen wollten. Schauspielern kann so unglaublich peinlich sein! Anschliessend machen wir mit Culture Connect und insgesamt 15 Musikern auf der Bühne die Hütte klein. Der Jam dauert 25 Minuten am Stück! Da die Übernachtungslage nach der Show noch nicht geklärt ist, weil es schlichtweg vergessen wurde, hat sich Jazmin, die eine Türsteherin bereit erklärt, ihr Haus für beide Bands zur Verfügung zu stellen. Eine Stunde später stehen wir in einer verdammten Villa mit 5 Schlafzimmern und einer riesigen Terrasse mit Blick aufs Meer. Alles was sie sagte, war: schmeisst wenn möglich keine Flaschen vom Balkon! Es sind um die 40 Leute im Haus und eine lange und laute Nacht beginnt. Viele geile Gespräche über Musik, Gott (wer ist das nochmal?) und die Welt. Um 1.30 nachts wird wieder mal der Grill angeschmissen genauso wie am nächsten Morgen zum Frühstück. Das war grossartig!!! Weiter geht’s nach Brisbane wieder 150 km zurück Richtung Süden.

Byron Bay 22/23.02.07

Um es vorweg zu nehmen, sollte unser geplanter Auftritt am morgigen Freitag ausfallen. Ein klassischer Fall australischer Kommunikationsnachlässigkeiten (gibt es das Wort? wenn nicht, dann jetzt!) Wir kommen also gegen frühen Nachmittag in Byron Bay an, ein kleiner Ort an der mittleren Westküste mit den wahrscheinlich schönsten Stränden Australiens. Die allgemeine Gemütslage entspannt sich jetzt ein wenig, das passiert im übrigen immer, wenn wir uns Wasser nähern.

Den Pazifischen Ozean wieder in Sichtweite; frische Luft und ein heisses aber gut erträgliches Klima und vor allem endlich andere Menschen, die zudem auch noch recht spärlich bekleidet sind. Ein Ort mit sehr guten Schwingungen und furchtbar entspannten Menschen; zumindest hatte ich ihn noch so in Erinnerung. Die Massenschlägerei, der Bente und ich nachts gerade noch so entkommen sind, lass ich mal unkommentiert. Denn sobald das Wochenende naht, strömen Horden von Touristen und feierwütige Grüppchen Weltreisender in das kleine Strandparadies. Irgendwie unangenehm aber trotzdem sind wir auch froh über das rege Treiben nach der erdrückenden Anreise. Wir treffen Jan, unseren Techniker, der uns für den restlichen Teil der Tour begleiten wird. Eigentlich Hamburger, lebt aber seit knapp einem Jahr in Sydney und er ist froh, dass sein Job, aus genannten Gründen mit einem freien Tag beginnt. Ausserdem treffen wir, ebenfalls aus Hamburg, unseren guten Freund Wolf, der in den kommenden zwei Tagen sehr zur verbesserten Stimmung beitragen sollte. Und das Beste ist, sie haben beide Autos, was die Reisen zu den nächsten beiden Gigs sehr erträglich machen sollte. Bente trifft zufällig beim Einkaufen Tex Perkins, einen seiner musikalischen Helden. Tex ist der Sänger einer der bekanntesten australischen Bands „The Beasts of Bourbon“. Letztes Jahr bei einem Gig in Hamburg hat er ihn mal angequatscht und ihm von unserem Vorhaben erzählt. Offensichtlich hat er sich erinnert und uns zu seiner Show in Sydney eingeladen. Und wie das Schicksal so will, ist der Termin zwei Tage vor unserem Rückflug; und wo sind wir? In Sydney! Am nächsten Abend gehen wir relativ ziellos mit unseren Instrumenten durch die belebten Strassen und bleiben vor dem Laden stehen, in dem wir eigentlich gerade hätten spielen sollen. Die Band spielt 80er Rock-Coverversionen. Hört sich ziemlich scheisse an. Eine Strassenecke weiter steht ein schwarzer, ca. einen Meter sechzig kleiner Strassenmusiker mit einer silbernen Miniatur-Gitarre und einem 50er Jahre Mikrofon mit Verstärker. Wir gesellen uns zu ihm und hören ein wenig zu (er ist übrigens tierisch gut). Kurze Zeit später passiert das, was passieren musste. Wir spielen zusammen „Oh Yeah“, von Der Fall Böse mit drei Gitarren, Snare Drum, Bläsersektion und einem Percussionisten von der anderen Strassenseite. Sekunden später tummeln sich ca. 50 Leute vor uns und tanzen. Ein wahnsinnig toller Moment, der aber direkt nach dem Song von drei herbeigeeilten Polizisten beendet wird. Keine Lizenz, Alkohol in der Öffentlichkeit, Lärmbelästigung. Wir hauen ab zum Strand, treffen dort Ben, den Strassenmusiker wieder und spielen weiter, laut und mit Bier.